Interview

Gesprächspartnerinnen: Jane Viola Felber und Franz Knoppe sind die Projektleiterinnen des Festivals „Aufstand der Geschichten“ vom 3.-10. November. In diesem Rahmen ist auch Stefan Heym wieder nach Chemnitz zurückgekehrt, als Puppe im Figurentheater. Mit ihm haben sich die beiden über die Zukunft unterhalten.

Aufstand der Geschichten (AdG): Herr Heym, Sie sind wieder da, braucht Sie Chemnitz gerade?

Stefan Heym:* Wenn mich einer fragte: In welcher Zeit hättest du gerne gelebt? – würde ich ihm antworten: In unserer. Denn noch nie, glaube ich, gab es eine Zeit mit so raschen, so tief einschneidenden Veränderungen, mit so enormen Widersprüchen, so fürchterlichen Verstrickungen und Verteufelungen des Menschen; nie aber auch eine Zeit, in der der Mensch so sehr über sich hinauswächst und mit solcher Kühnheit eine neue, kaum erahnte Welt schafft: eine Zeit also, wie ein Schriftsteller für seine Zwecke sie sich nicht schöner wünschen könnte, selbst auf die Gefahr hin, daß er in ihre Strudel gerät.

AdG: Was ist der Hintergrund Ihres Festivals?

Jane Viola Felber: Momentan dominiert die Geschichte vom „Kampf der Kulturen“. Die Antworten auf die aktuellen Fragen werden oft in der Vergangenheit gesucht, in der Rückbesinnung auf alte Werte und Gruppenzugehörigkeiten, in der Abschottung nach außen und in der negativen Rahmung aktueller Entwicklungen als Krise, Sicherheitsrisiko oder Verlust von Identität und Heimat. Die Diskussionen drehen sich im Kreis, werden zu Abwärtsspiralen, äußern sich in Wut, Hoffnungslosigkeit und Gewalt. Wir wollen mit dem Aufstand der Geschichten dagegenhalten: Welche Erzählungen, neu oder unentdeckt, stiften Sinn und geben Orientierung, um eine moderne Gesellschaft divers und friedlich zu gestalten?

AdG: Braucht es denn in dieser aktuellen Situation in Chemnitz nun auch noch ein Festival, das noch mehr politisieren will? Ist das nicht zu viel? Ein bisschen mehr Ruhe gerade wäre doch besser.

Stefan Heym: Aber trotzdem glaube ich, dass man, wenn die Zeit kommt, doch seinen Kopf herausstrecken muss, um etwas von Wichtigkeit zu sagen. Man kann sich nicht immer nur verstecken.

AdG: Warum gerade jetzt?

Franz Knoppe: Mit Ende des Kalten Krieges sprach Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ und meinte, dass es keinen weiteren Fortschritt in der Entwicklung grundlegender Prinzipien und Institutionen mehr geben würde, da alle wirklich großen Fragen endgültig geklärt wären. Die aktuelle weltpolitische Lage beweist das Gegenteil: Geschichte wiederholt sich, immer wieder. Im November jähren sich die historischen Daten. Die jüngsten Ereignisse in Chemnitz zeigen, dass wir uns den verschiedenen gesellschaftlichen Erzählungen wieder öffnen sollten. 

AdG: Was bedeuten die Ereignisse der letzten Wochen für Sie und für die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025?

Stefan Heym: An jenem Abend […] tauchten sie plötzliche wieder auf, die Gespenster von einst, und ich sah sie marschieren, so wie ich ihre grausigen Urbilder gesehen hatte im Jahre 1933, und sah vor mir ihre haßerfüllten Gesichter und die Brutalität darauf, und den stieren Blick ihrer Augen, mit dem sie damals vorbeidefiliert waren in Reih und Glied vor dem Mann mit dem Bärtchen unter der plumpen Nase – und mich schauderte. […] Das Bedürfnis, die Welt zu verändern und jene scheußlichen, ungerechten Verhältnisse zu beseitigen, das verdanke ich meiner Heimatstadt, das verdanke ich Chemnitz.

Franz Knoppe: Wenn Chemnitz im Jahr 2025 wirklich europäische Kulturhauptstadt sein will, dann wird doch die Frage auftauchen, was hat Chemnitz seit dem 27. August anders gemacht? Europa wird auf Chemnitz blicken und fragen: Was können wir von Chemnitz lernen, um der gesellschaftlichen Spaltung und einer Radikalisierung entgegen zu wirken? Eine Idee ist dieses Festival, wozu wir einladen.

Jane Viola Felber: Ein Beispiel sind die „Pop Up Stories“ im Stadtteil Sonnenberg. Da werden leere Ladenzeilen reanimiert, um Geschichten von Migration über neue Ansätze des Storytellings wie Computerspiele, Graphic Novels oder Schönheitssalons zu sammeln. Wir haben Theaterstücke wie „Wenn mich einer fragte …“ oder „Aufstand der Dinge“ entwickelt. Insgesamt gibt es 42 Veranstaltungen in ganz Chemnitz. Und wir wünschen uns, dass für alle etwas dabei ist.

AdG: Herr Heym, lohnt es sich, nach Chemnitz zu ziehen und hier zu arbeiten?

Stefan Heym: Wer in der DDR etwas ändern wollte, mußte bleiben: Ändern kann man ja schlecht von außerhalb.

Jane Viola Felber: Deswegen arbeiten wir vor Ort mit Kulturschaffenden aus Chemnitz. Über 40 Organisationen kooperieren im Rahmen des Festivals, nebenbei organisieren wir Workshops, Schnittstellentreffen und Bildungsreisen, z. B. nach Budapest und Rotterdam. 

Franz Knoppe: Wir brauchen die Aufmerksamkeit und die Veränderung außerhalb der großen Zentren. Das Leben hier pulsiert. Das wollen wir zeigen. 

AdG: Noch eine letzte Frage: Können die Chemnitzerinnen mithelfen?

Jane Viola Felber: Ja, wir wollen am 10. November gemeinsam mit den Chemnitzerinnen die europäische Republik ausrufen. Da sind alle eingeladen – zur Teilnahme an dem Sprechchor genauso wie zum Mitdiskutieren im Anschluss. Auch in den Podiumsdiskussionen bieten wir Raum für viel Austausch. 

Stefan Heym: Meine Erfahrung im Leben ist, daß sich alles verändert; nichts bleibt auf ewig, wie es ist. […] Aber wir müssen schon versuchen, selber etwas zu tun und zu zeigen, wer wir sind. Ich bin überzeugt, dann wird sich was ändern. Zu seufzen und zu jammern ist nicht genug.

Vielen Dank.

* Alle Antworten von Stefan Heym sind Originalzitate.